Die Güterbahn Lineas will auf den Schlüsselmärkten Belgien, Niederlande, Frankreich und Deutschland wachsen und verfolgt dabei einen „kompromisslos kundenorientierten Ansatz“. Dies teilte der seit Februar 2022 amtierende Group-CEO Bernard Gustin am 23.10.2023 auf einem Pressegespräch mit.
In Kombination mit dringend benötigten Finanzmitteln soll die Sanierung der Güterbahn vorangetrieben werden. Das genannte Handwerkszeug wie beispielsweise das Ausnutzen einer strategisch guten und teilweise marktbeherrschenden Lage in Häfen, das Beenden von defizitären Engagements, ein Ausbau der Kundenbindung und -orientierung, die Digitalisierung, die Fokussierung auf ausgewählte Achsen sowie das Zurückfahren von Eigenproduktion und finanzieller Verantwortung von Zügen als Operateur klingen plausibel – sind aber durchaus verbreitet und in der Branche keinesfalls neu („klassischer Manager-Baukasten“).

Als guten Wachstumsmarkt hat Lineas dabei Frankreich auserkoren. Dort muss Incumbant Fret SNCF aufgrund einer Klage der EU-Kommission wegen illegaler Beihilfen Verkehre abgeben. Ein leichtes Spiel für Mitbewerber also. In anderen Märkten bleibt abzuwarten, ob das Wachstum über Verdrängung oder eine Verlagerung von der Straße auf die Schiene erreicht werden kann. Gerade in Deutschland sorgen mit merklich schwindendem Aufkommen beim Lkw frei werdende Kapazitäten für eine Rückverlagerung auf die Straße. Dekarbonisierungsstrategien zum Trotze.

Der Manager sieht sein Unternehmen als sehr gut positioniert an: „Stärken von Lineas: Lage, Lage, Lage“. In den Seehäfen Antwerpen, Zeebrugge, Gent und Rotterdam als Quelle und Senke von Transporten sei das Unternehmen mit „einer starken Präsenz“ vertreten.
Doch alleine über ein Wachstum dürfte der Turnaround nicht gelingen, denn schon im kommenden Jahr will Lineas schwarze Zahlen schreiben . Für eine kurzfristige Rettung benötigt die Güterbahn noch eine weitere Finanzspritze. Das Unternehmen hatte sich Ende 2022 auf die Suche nach benötigten Finanzmitteln in Höhe von 100 Mio. EUR begeben. Im Mai 2023 waren zunächst 20 Mio. EUR durch die beiden Gesellschafter, den französischen Investmentfonds Argos Wityu und SFPIM, dem Investitionsvehikel der belgischen Bundesregierung eingebracht worden. Im Rahmen der Aufstockung hatte SFPIM seinen Anteil von 10 % auf 35 % erhöht. Laut Lineas laufen aktuell weiterhin Gespräche mit Dritten bezüglich der Gewinnung von Finanzmitteln.

Die Güterbahn sieht sich trotz 35 % staatlicher Beteiligung als „größter privater Schienengüterverkehrsbetreiber in Europa“. Aktuell hat das Unternehmen 1.750 Mitarbeiter, davon sind ca. 500 national und international tätige Triebfahrzeugführer. Ein im Vergleich zur gesamten Mitarbeiterzahl überraschend niedriger Wert. Für die Produktion werden 250 Loks und 6.700 Waggons genutzt. In den vergangenen Jahren hatte Lineas zur bilanziellen Verbesserung zahlreiche Fahrzeuge veräußert und zurückgemietet.
Die Sanierung des Unternehmens fußt laut Gustin auf einer „realistischen leistungsorientierte Strategie“:
- Vereinfachung der Produkte & Fokus
- Kommerzielle Nachhaltigkeit & Verwaltung von Verträgen
- Kundenzentrierung, Operative Exzellenz
- Eine an die Strategie angepasste Organisation

Im Rahmen des Sanierungsplanes ist eine Vereinfachung des Angebots bzw. die
Eliminierung unrentabler Routen bzw. Verträge laut Gustin bereits weit fortgeschritten. Das Einzelwagennetz ist nun kostendeckend, das von seinem Vorgänger Geert Pauwels initiierte und laut Gustin unrentable „Green Xpress Network“ (GXN) für Einzelwagen und Wagengruppen wurde eingestellt. Zukünftig will sich Lineas auf eine geringere Anzahl bedienter Korridore beschränken und auf profitable Aktivitäten außerhalb der Korridore abzielen. Dies bedeutet auch mehr Ganzzugaktivitäten als reines EVU sowie einen mehrheitlichen Rückzug aus der Verantwortung als Zugoperateur mit entsprechend höherem Risiko. Lineas hat laut Gustin bereits eine „Preisanpassung an die Bedürfnisse unserer Kunden und die Realität unseres Betriebs“ durchgeführt.
Ein „kompromisslos kundenorientierter Ansatz“ bedeutet für die Güterbahn auch einen Fokus auf ständige Verbesserung der Kundenzufriedenheit. Diese wird laut Lineas wöchentlich erhoben und habe sich stetig verbessert. Dazu hätten auch digitale Lösungen beigetragen wie beispielsweise das Trackingtool „MyLineas“, das Kunden auch bei fehlender GPS-Ausrüstung von Wagen eine Verfolgung der Ladung ermöglicht. Lineas erhält Daten von Partnern, Infrastrukturbetreibern und GPS-Geräten auf Waggons und Lokomotiven und wandelt diese in zusammengefasste Informationen über die Transporte seiner Kunden um.
Über ein eingeführtes „Patenschaftsprogramm“ sollen engere Kundenbeziehungen aufgebaut und das Unternehmen auf die Bedürfnisse der Kunden ausgerichtet werden. Ähnlich einem Key-Account-System wurden dabei den Lineas-TOP-Managern Kunden zugeteilt, die mehrfach pro Jahr persönlich kontaktiert werden sollen. Eine stärkere Ausrichtung auf den Kunden und dessen Prozesse zeigt auch personelle Entscheidung für den neuen country manager Deutschland: Andreas Plikat ist supply chain-Fachmann und nicht Bahnvertriebler, wie sein Vorgänger.
Gustin als Ex-Chef von Chef von Brussels Airlines will sich zudem in der Eigenproduktion beschränken und hofft auf Kooperationen unter den Bahnen nach dem Vorbild der Airlines in der Passage. Erste Gespräche dazu sind laut Lineas bereits geführt – Definitives soll in den „nächsten zwei, drei Monaten“ verkündet werden.


